Ausspannen in der wilden Donau
Willkommen in Ungarn, mit 417 Kilometern Donau mal eine der etwas längeren Strecken ohne Schleusen und Landesgrenzen. Wir sind gespannt, doch zunächst beschließen wir, eine Nacht vor Anker zu verbringen. Der Anker fällt im Strom der Donau neben dem Fahrwasser und wir genießen den Abend in der Natur. Das leise Plätschern der Strömung am Rumpf lässt uns entspannt einschlafen. Mitten in der Nacht schrecken wir von einem lauten Geräusch hoch, ein Krachen und Splittern, direkt am Ufer neben uns. Nach einem Blick nach draußen stellen wir fest, dass ein riesiger morscher Baum einfach abgeknickt ist und direkt neben uns ins Wasser gefallen ist. Glücklicherweise liegen wir weit genug vom Ufer entfernt. Wir schlafen gemütlich weiter und ahnen noch nicht, dass Baumstämme uns später unser erstes unschönes Abenteuer bescheren werden.

Am nächsten Tag passieren wir die Wassergrenze zu Ungarn, zuvor gehörte noch eine Uferseite zur Slowakei. Die gewaltige Festung Esztergom erwartet uns auf der ungarischen Seite. Uns ist jedoch nicht nach Sightseeing, bisher war es kaum möglich, in der regulierten Donau von Österreich und der Slowakei einen gemütlichen Ankerplatz zu finden. Ab jetzt fließt die Donau wild und an den Ufern locken dichte Wälder, Strände und kleine Abzweige mit geschützten Ankerplätzen. Also werfen wir den Anker im Gebiet des Donauknies, wo die Donau scharf nach Süd abbiegt. Eine hübsche Bergkette umgibt diese Gegend. Für uns ist sie wie ein Tor in Richtung Mittelmeer. Von dort fließt die Donau ganze 500 Kilometer nach Süden, bevor sie wieder nach Osten abbiegt.

Wir verbringen ein paar gemütliche Tage mit Lesen, essen, schreiben und schlafen. Nebenbei wettern wir hier noch ein paar Gewitter ab, was sollen wir bei diesem Wetter in Budapest? Nach der Dürre zum Beginn der Reise regnet es immernoch viel. Nachts prasseln starke Regengüsse auf INTI. Innen ist es gemütlich bis auf zwei tropfende Fenster, die wir dringend mal in Angriff nehmen müssen. Am nächsten Morgen strecken wir die Köpfe aus dem Niedergang und suchen nach dem Strand, der gestern noch neben uns war. Der Wasserstand ist beachtlich nach oben gegangen, auch die Strömung ist stärker geworden. Faszinierend, wie schnell sich dieser Fluss verändert!

Protz und Prunk neben Bars in Ruinen und buntem Leben in Budapest
Die Wolken verziehen sich, also Anker auf in Richtung Budapest! Diese Stadt wollten wir schon immer mal besuchen. Zunächst bekommt die Stimmung jedoch einen Dämpfer. Nachdem wir ständig im Schlick steckengeblieben sind, haben wir uns angewöhnt, erstmal die Yachthäfen anzurufen und nach der Tiefe zu fragen. Nebenbei fragen wir nach dem Preisen und die sind wirklich astronomisch?! 80 Euro die Nacht hier, 110 Euro dort, sind wir schon im Mittelmeer angekommen? Das ist mehr als doppelt so viel wie in jeder anderen Marina, die wir davor besucht haben!
Wassersport ist hier wohl ein Privileg der Wohlhabenden und kein Volkssport. Egal, Budapest wollen wir uns nicht entgehen lassen. Die günstigste Marina, die wir gefunden haben, liegt in einem neuen Viertel, steril und aus der Retorte. Wir hören, dass die Investoren aus Saudi-Arabien kommen. Die Yachten im Hafen sind nicht außergewöhnlich, doch wir nehmen sofort wahr, dass an Bord eher Champagner als Bier getrunken wird. Vornehmlich von muskelbepackten Kerls mit deutlich jüngeren, stark zurechtgemachten Damen…schräg…

Egal, wir nehmen unsere Fahrräder von Bord und fahren los. Einkaufen, in den Waschsalon. Tags darauf geht es auf Sightseeing-Tour. Budapest selbst ist ein einzigartiges Freiluftmuseum. Die St. Stephans-Basilika beeindruckt uns mit ihrer Größe und dem aus Marmor gestalteten Vorplatz. Eine mit steinernen Löwen verzierte Kettenbrücke verbindet Buda mit Pest, Touristenströme wandeln von einem zum anderen Ufer, in Pest liegen einige Sehenswürdigkeiten, wie die Fischerbastei, von wo aus man einen großartigen Blick auf Buda hat.

Nachdem wir die historischen Plätze abgeklappert haben, ist uns nach weniger Pompösem. Wir suchen das jüdische Viertel, welches uns mit einer großen Synagoge empfängt. Dahinter zweigen viele kleine Straßen und Gassen ab und wir finden uns auf einmal unter vielen jungen Menschen, bunten Cafés und graffitibesprühten Häuserwänden wieder. Auf einmal stolpern wir in alte, halbverfallene Häuser, die in ihren Innenhöfen unzählige alternative Cafés und Kneipen beherbergen. Erinnerungen an Berlin der Nachwendezeit werden wach, aber irgendwie auch an Kuba, wo in den Innenhöfen noch so ruinöser Häuser trotzdem buntes Leben zu sehen war. Diese Orte sind die für Budapest bekannten Ruinenbars, von denen es etliche gibt. Wer noch das Tacheles in Berlin und die vielen kleinen Kellerbars in Mitte kennt, weiß, wie es drinnen aussieht und wie hier gefeiert wird!

Nach einem deftigen Gulasch verlassen wir dieses charmante Viertel und gehen zurück aufs Boot. Am nächsten Tag wartet eine Verabredung auf uns. Letztes Jahr hatten wir in Griechenland einen ungarischen Jazzmusiker und seine Frau kennengelernt, heute gibt er zufällig ein Konzert in Budapest. So schlendern wir den Tag über noch einmal durch die Stadt, bestaunen den riesigen Präsidentenpalast und nehmen eine alte klapperige Straßenbahn, die uns direkt an der Donau zur alten Markthalle bringt. Leider ist der Markt enttäuschend, die typischen Gerüche und das Menschengewusel fehlen, er wirkt eher steril, auf Touristen ausgerichtet. In der oberen Etage gibt es eine Fressmeile. Hier ist es schon ein wenig authentischer. An einem einfachen Stand lassen wir uns nieder und genießen herzhafte ungarische Küche. Kohlrouladen aus saurem Kohl und eine typische ungarische Wurst mit Sauerkraut und den kleinen Nudeln, die den Spätzle-Nudeln sehr ähnlich sind.

Nach dem gehaltvollen Essen vertreten wir uns die Beine am schönen Donauufer, bis wir uns dann beim Jazzclub mit der Familie unseres Bekannten treffen. Gemeinsam verbringen wir einen schönen Abend, gekrönt vom Konzert im Budapester Jazzclub. Am nächsten Morgen gibt es noch eine Bootsbesichtigung für die Familie, dann geht es für uns auch weiter, wir haben viel von der Großstadt gesehen und festgestellt, dass wir sie lieben gelernt haben, neben Wien ein Schmuckstück an der Donau.

Links sind Bäume, rechts sind Bäume und dazwischen Zwischenräume
Uns rauscht der Kopf nach dieser bunten Stadt und wir beschließen, erstmal wieder vor Anker zu entspannen. Raus aus der Großstadt, rein in die Natur. Der Anker fällt wieder im Strom. Durch den vielen Regen strömt es ordentlich, das Wasser rauscht mit drei Knoten an der INTI entlang. Auch allerhand an Gehölz strömt in einem enormen Tempo die Donau entlang. Staunend beobachten wir einen riesigen Baumstamm, der an uns vorbeirauscht. Das Holz passiert uns im sicheren Abstand, der Plan, hinter einem kleinen Vorsprung, der die Strömung in die Mitte der Donau umlenkt zu ankern, scheint aufzugehen.

Also legen wir uns nach einem gemütlichen Abendessen schlafen. Smutje wacht nach ein paar Stunden Schlaf auf, als er ein rumpelndes Geräusch am Boot hört. Capitana schläft und wird erst wach, als sie ein eigenartiges Schaben am Bootsrumpf vernimmt. Smutje liegt nicht neben ihr in der Koje? So steigt sie an Deck. Smutje kämpft mit einem riesigen Baumstamm, der sich in der Ankerkette verhakt hat. Jetzt heißt es Handeln! So ein Baumstamm kann in der gewaltigen Strömung den Anker herausreißen. Smutje stochert mit dem Bootshaken herum, versucht, das Monstrum irgendwie von der Kette wegzustoßen, der Druck der Strömung ist jedoch gewaltig. Immer mehr Geäst kommt herangetrieben und am Bug bildet sich ein immer größeres Gewirr aus Ästen und Stämmen.

Wir starten den Motor, wir müssen weg hier! Es ist zwei Uhr nachts, aber es hilft nichts, die Situation ist gefährlich. Capitana gibt langsam Gas, um Druck aus der Kette und einen besseren Winkel zu Strömung zu bekommen, Smutje schubst den Stamm. Er bewegt sich etwas, Capitana gibt mehr Gas und Smutje schafft es, den Stamm aus der Kette zu stoßen. Langsam treibt das Ungetüm von dannen. Was nun, flussaufwärts sichten wir schon neue dunkle Schatten? Also weiter, denn nur in Bewegung können wir auch ausweichen. Wir begeben uns ins Fahrwasser und es beginnt unsere erste Nachtfahrt auf der neuen INTI auf der Donau. Smutje steht am Steuer, wir tuckern so langsam wie unser Motor nur kann dahin, während Capitana vorne in die mondlose Nacht starrt, um im Licht der Buglaterne vor neuen Hindernissen zu warnen. Das funktioniert ganz gut so.
Als wollte die Natur nur mal kurz klarstellen, wer der Stärkere ist und um uns jetzt wieder besänftigen, belohnt sie uns mit einem glasklaren Sternenhimmel voller Sternschnuppen! Wir nähern uns der Zeit der Perseiden, wo die meisten Sternschnuppen zu sehen sind. Ab und an passiert uns mit dumpfem Motorgeräusch ein Binnenschiff. Aufgeregter sind die Kreuzfahrtschiffe, sie richten einen riesigen Scheinwerfer am Bug auf uns, um deutlicher zu sehen, was für ein seltsames Objekt mitten in der Nacht auf der Donau unterwegs ist.

Als das Treibholz weniger wird, legt sich Capitana kurz mal im Salon hin, es ist bitterkalt in der Nacht und sie wärmt sich auf dem warmen Motor. Derweil steht Smutje tapfer am Ruder und navigiert INTI ins Morgenlicht. Als Capitana erwacht, leuchtet der Himmel in einem sanften Morgenrot, Enten schnattern. Hinter einer Insel taucht ein geeigneter Ankerplatz auf, hier gibt es keine Strömung und erst recht kein Treibholz! Langsam biegen wir in die Bucht ein, die Tiefe stimmt und der Anker fällt. Ein Fischotter zieht vor dem Boot seine Bahn, als wolle er uns willkommen heißen. Wir fallen in die Koje. Das Flussfahren birgt doch einige Überraschungen, mit denen wir vorher niemals gerechnet hätten. Zwei Nächte verbringen wir an diesem ruhigen Platz mitten in der Natur, das Fernglas immer wieder aufs Fahrwasser gerichtet, wo am ersten Tag noch ordentlich Holz schwimmt, am zweiten hat es deutlich abgenommen.

Auf eine Fischsuppe nach Baja
So beschließen wir, uns ein kleines Örtchen anzuschauen und starten nach Baja. Durch kleine Kanäle erreichen wir eine Marina, in der wir vom Hafenmeister freundlich empfangen werden. Das Städtchen ist berühmt für seine Fischsuppe. Einmal im Jahr findet ein gigantisches Fischsuppenfest statt, welches in ganz Ungarn bekannt ist. Dann werden riesige Kessel über Lagerfeuer gehängt, worin literweise Fischsuppe blubbert. Das müssen wir natürlich probieren und wir suchen ein Restaurant, Smutje bestellt sich diese Spezialität. Doch leider reißt sie ihn nicht ganz vom Hocker, da war die Erwartungshaltung wohl höher, aber egal…wir sind einfach zu verwöhnt von den tollen Seefischen, die wir schon gefangen haben. Da kann ein Wels für uns leider nicht mithalten.

Nach einem Besuch des Örtchens am nächsten Tag, es gilt als ungarischer Ferienort, sind wir überrascht, wie unbelebt es hier zugeht. In unserer Vorstellung hatten wir Familien und Reisende erwartet, Menschen, die ihren Urlaub hier verbringen. So klappern wir allein das Städtchen ab, mal hier ein Rathausplatz, mal da eine Kirche, in diesem Haus hat Bela Bartok gelebt, ja, da war es dann auch. Früh am nächsten Morgen starten wir dann, um uns erstmal von der EU zu verabschieden. An einem Zollsteig müssen wir anhalten, um aus der EU auszuklarieren. Innerhalb von einer halben Stunde ist das Prozedere beendet und INTIs Bug reckt sich nun Richtung Serbien, wir sind gespannt!

Wollt ihr unser nächstes Abenteuer unterstützen?
Wir freuen uns über Tipps oder eine kleine Spende.

Tolle Fahrt, super was ihr erlebt und meistert. Weiterhin gute Fahrt. Heißt euer nächstes Buch: „Die 7 Farben grün“ nach den Ufern, Bäumen, Wasser. Eine Anspielung auf euer spanendes Buch 7 Farben blau.
LG Horst
…. heute vom Mattsee.
„Bäume sind Gedichte, die die Erde in den Himmel schreibt“( Kahlil Gibran).
Da habt ihr ja nun ganz anderen Erfahrungen gemacht…..ich habe erleichtert aufgeseufzt, als der ausgediente Stamm überlistet wurde.
Aufregend und ein wenig gruselig. Ihr seid soooo tapfer !
Ich war mehrfach in Budspest und sehr verliebt in diese Stadt. Kann Euch gut verstehen.
Freue mich auf mehr Erlebnisberichte von Euch.
Grüße aus der Überseestadt und vom Blauen Wein, der in diesem Jahr wie verrückt wächst.
Schön, dass ich euch auf diese Weise begleiten kann, zumal es bei den feinenTexten und den tollen Bildern eine wahre Freude ist.
Gruß von Klaus aus Seestermühe
Danke für den spannenden und anschaulichen Bericht mit klasse Fotos. Weiter gute und havariefreie Fahrt.
Grüße von Rainer + Ingrid