Bleierne Hitze
Wir springen etwas vor in der Zeit. Über die Kykladen, die wir auch besuchten, wird es noch einen kleinen Bericht geben. Unsere Entscheidung, zwischen dem Festland und Euböa nach Norden zu fahren, hatten wir dort gefällt. Zwar kommt der Wind dann immer von vorne, doch wir wollen zu einem Sprayhood-Macher fahren, der vor Ort in Chalkis ist und dann direkt die Maße des Bootes nehmen kann. Auf dem Weg dorthin motoren wir viel, es ist windstill, eigentlich zum Glück, denn voll auf die Nase wäre auch nervig gewesen.

Die Luft steht, die Temperaturen bewegen sich um die 40° Grad, wir stehen völlig ungeschützt ohne Bimini im Cockpit und steuern das Schiff auf diesen Ort zu.

Endlich erblicken wir am Ufer einen kleinen Leuchtturm, das Wasser wird flacher, was bedeutet, dass wir näher an unser Ziel gelangen. Lahm tuckern ein paar Fischer an uns vorbei, ein paar Wasservögel fliegen verschreckt auf.

Eine große Brücke gilt es zu unterqueren, dann nähern wir uns einem Hafen. Dort finden wir auch einen Platz und machen INTI erstmal fest.

Dimitri, der Sprayhoodmacher, kommt auch gleich am Abend, misst aus und erzählt uns aber, dass gerade jetzt, im August, den Ferien in Griechenland, alle Zulieferer für die Gestänge dieser Konstruktion geschlossen haben. Hmmm, was machen wir nun? Bis September wollen wir hier nicht bleiben. Wir haben ja Zeit zum Überlegen, sonst wird es eben nächstes Jahr.
Die besondere Brücke
In Chalkis gibt es eine Besonderheit: hier befindet sich die schmalste Meerenge der Welt, der Euripos-Kanal und über den spannt sich eine kleine Brücke, die von Autos und Fußgängern rege genutzt wird.

Es entstehen Strömungen und Strudel darunter, davor und dahinter, die recht tückisch sein können. Schon die alten Griechen standen ratlos am Ufer und konnten diese Phänomene nicht erklären. Aristoteles stand jahrelang am Ufer, um den Wechsel der Gezeitenströme zu erkunden, doch es gelang ihm nicht. Aus lauter Frust darüber sprang er hier in die Fluten und ertrank. So die Legende.

Bis heute ist das Rätsel um die Strömungen noch nicht gelöst. Fakt ist nur, dass es nachts immer mal für eine kurze Zeit Stillwasser gibt und dann öffnet die Brücke für die vielen Schiffe, die entweder von Nord nach Süd oder in die andere Richtung weiterwollen. In einem kleinen Büro müssen wir uns anmelden und auch einen Preis dafür bezahlen. Doch den wahren Preis bezahlen wir später. Da die Brücke nicht täglich öffnet, verbringen wir zwei Tage in dieser kleinen Stadt.


Gastfreundschaft
Ein riesiger Wäscheberg hat sich angestaut und tatsächlich gibt es in Chalkis einen Waschsalon. Wir entdecken eine Busstation und laufen mit unseren Taschen durch die Hitze dorthin. Capitana versucht, in ihrem brüchigen Griechisch herauszufinden, ob wir hier richtig sind. Die lässigen Busfahrer, die gerade zur Pause im Schatten sitzen und unzählige Zigaretten rauchen, winken ab. Ihr müsst weiter in die Stadt, da wird der Bus fahren. Schwitzend suchen wir die richtige Haltestelle.
Da! ruft Smutje, da ist sie! In einem kleinen Häuschen sitzt schon eine Dame, eifrig am Telefonieren. Als sie fertig ist, fragen wir sie, ob wir richtig sind. Sie lacht und wird etwas nervös, sie möchte uns unbedingt helfen, doch sie spricht kein Englisch und Capitanas Griechisch reicht nicht aus. Sie wird immer aktiver und redet in einer Tour. Irgendwann bekommen wir ihr Telefon vor das Gesicht gehalten, drei Teilnehmer erscheinen in kleinen Fenstern. Alle schauen uns an. Es sind ihre Nichten, die uns alle sehen sollen, eine davon spricht Deutsch. Sie erklärt uns, dass wir hier richtig sind und ihre Tante uns dann sagt, wann wir aussteigen sollen. Große Party an einer kleinen Bushaltestelle. Endlich kommt auch der Bus. Wir setzen uns und Smutje will die Tickets kaufen. Der Busfahrer winkt freundlich grinsend ab: Ihr seid meine Gäste, ich lade euch ein!

Während der Busfahrt erfahren wir von der Dame noch, dass sie aus Albanien kommt, Fotos werden gezeigt, denn wir waren tatsächlich schon in dem Ort, aus dem sie kommt. Berat, die Stadt der 1000 Fenster. Sie zeigt uns auf ihrem Telefon die Fenster, hinter denen sie groß wurde und die, hinter denen ihr Mann groß wurde. Irgendwann wird wild gewunken und wir steigen aus.
Mit zwei Beuteln frischer Wäsche machen wir uns auf den Rückweg. Wir müssen rennen, denn der Bus kommt. Der gleiche Busfahrer sitzt breit grinsend hinter dem Steuer. „One time together, now together again…!“ Wieder fahren wir gratis, wir sind seine Gäste. Ob das in Deutschland auch so ist?
Vorbereitung auf die Weiterfahrt
Nach einem riesigen Tortenstück gehen wir zurück aufs Boot, die Luft kocht. Nachdem wir noch etliche Spaziergänge durch die Stadt gemacht haben, wird es Zeit zum Aufbrechen, uns ist auch wieder nach Bewegung mit unserer INTI.

Der Clubchef vom Steg rät uns, vor der Brückenöffnung besser direkt davor vor Anker zu gehen, falls man nicht rechtzeitig am Steg seine Leinen gelöst bekommt kann die Zeit auf der Fahrt bis zur Brücke knapp werden. Gute Idee, dann haben wir vor Anker vielleicht etwas Luft im Boot.

Aufbruch mit Tücken
Im Sonnenuntergang brechen wir Richtung Ankerfeld auf, das sich langsam mit wartenden Booten füllt. Der Anker hält, es ist ja auch nur für ein paar Stunden, die Brücke soll sich um 2.00 Uhr nachts öffnen. Wir essen noch was, machen es uns gemütlich. Irgendwann gegen 2.00 Uhr knattert das Funkgerät und die einzelnen Boote werden beim Namen aufgerufen. Okay, alle holen schon den Anker hoch, dann machen wir das auch mal. Rassel, rassel rassel kommt die Kette langsam hoch. Dann gibt es einen gewaltigen Ruck, die Ankerwinsch ächzt und INTIs Bug neigt sich nach unten! Smutje schreit: Bring mir eine Stirnlampe, meine geht nicht mehr! Wir schauen ins Wasser und sehen einen riesigen, völlig veralgten Stockanker, den wir mit hochziehen, unsere Ankerkette hat sich munter darumgewickelt. Ein Fischer kommt mit seinem Boot zur INTI, ein gerade zur Brücke fahrender Segler ruft noch Tipps rüber. Über Funk werden wir aufgerufen, endlich unter der Brücke hindurchzufahren. Capitana erklärt die Situation und wir werden hintenangestellt. Ob wir das schaffen? Wir zerren den Stockanker mit der Ankerwinsch so hoch es geht und sichern ihn mit einer Leine an den Klampen. Der Fischer gibt alles, die Situation scheint er gut zu kennen. Smutje bänzelt die Ankerkette ab und der Fischer legt sie auf sein Boot. Nach und nach winden sie die Kette um die großen Arme des Stockankers. Als INTI von diesem Monstrum befreit ist, die Ankerkette wieder befestigt und der Anker reingeholt, geben wir über Funk Bescheid. Der Fischer wünscht uns Glück und zieht fröhlich winkend von dannen. Die kleine Spende die wir ihn für seine Hilfe in die Hand drücken wollten hat er energisch zurückgewiesen. Wieder ein Beispiel für die unglaubliche Gastfreundschaft der Griechen!
Ausgebremst
Doch es kommen schon die Boote von der anderen Seite der Brücke. Nein, heute dürft ihr nicht mehr durch. Nächste Öffnung übermorgen Nacht. Nee, echt jetzt? Die Brücke ist doch noch offen und so schlängeln wir uns zwischen den ankommenden Booten Richtung Brücke. Vielleicht geht ja doch was? INTI, INTI kommt über Funk, what is your position? Ja, wir stehen vor der Brücke. Ja, aber ihr müsst zurück, ihr dürft nicht durch. Wir ärgern uns richtig, denn die Brücke ist ja noch offen und nach den Booten von der anderen Seite hätten sie uns ja doch noch durchlassen können. Nein. Über Funk kommt das Wort: Finish! Und so ist es auch.
Durchhalten!
Wütend und frustriert gehen wir ganz weit weg von dem vorherigen Platz wieder vor Anker. Bis zum Sonnenaufgang sitzen wir im Cockpit und ärgern uns über dieses Malheur. Wir hätten doch auch nicht vor dem alten Hafen ankern sollen, da liegen doch etliche Ketten und anderes Gedöns am Grund…. Doch am nächsten Morgen können wir schon ein wenig darüber lachen, ein wenig. Völlig übermüdet legen wir einen Lese- und Ausruhtag ein, ins aufgeheizte Chalkis wollen wir jetzt nicht. Vielleicht können wir ja ein bisschen auf die Tränendrüse drücken und müssen dann nichts für die nächste Durchfahrt bezahlen? Tags drauf gehen wir zur Brückenkommission und schildern unser Missgeschick. Kein Mitleid, kein Pardon, voller Preis wird bezahlt. Schlendern durch Chalkis, das wir jetzt bestens kennengelernt haben. Sicherheitshalber ankern wir nochmal um, hoffen darauf, dass uns dieser Ort endlich loslässt. Diese Nacht geht es erst um 3.00 Uhr los und alles klappt.

Kaum zu glauben, alles klappt! Glücklich rufen wir:“ Tschüß Chalkis!“ in die Nacht und fahren und fahren und fahren, bis die Sonne aufgeht und weiter und weiter.

Mittags erreichen wir eine Bucht, werfen den Anker und legen uns am späten Nachmittag schlafen. Es ist still, es ist luftig und Chalkis liegt weit hinter uns. Ganze 16 Stunden liegen wir im komatösen Schlaf. Am nächsten Tag setzen wir endlich wieder die Segel und kreuzen Richtung Ziel.

Alles fühlt sich gut an, die Landschaft mit ihren sanften Hügeln, märchenhaft ins Meer gegossen, der Geruch von Pinien erfüllt die Luft und wir treffen unterwegs unseren Kumpel, um mit ihm gemeinsam in den Hafen einzulaufen. Die Freude ist groß! Und nun können wir auch richtig über diese fast Vollmondnacht in Chalkis lachen.

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